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Bullet1 Holocaust-Mahnmal - Künstler will Himmelsleiter bauen
Von der Erde zum Himmel soll sie führen, die Jakobsleiter. So nennt der Künstler Ruben Talberg sein Denkmal für den Max-Willner-Platz, das als Konzept vorliegt. Der Obelisk aus Granit, 13 bis 15 Meter hoch, mit sieben Stufen aus Bronze oder Stahl soll ein Zeichen gegen rechtsradikale Gewalt und gegen das Vergessen des Holocausts werden.
Symbole aus mehreren alten Kulturen, die der Künstler zu einem eigenen Alphabet zusammenstellte, sind in die Flächen eingraviert und verleihen dem Werk eine magische Wirkung. Laut dem ersten Buch Mose träumte Jakob auf seiner Flucht vor Esau nach Haran von einer Himmelsleiter, auf der Engel auf- und niederstiegen. Gleichzeitig versprach Gott ihm das Land und viele Nachkommen.

Die verschuldete Stadt bekäme das Denkmal geschenkt

Damit sich die chronisch verschuldete Stadt das Monument leisten kann, bekommt sie es geschenkt. Talberg hat einen Sponsor an der Hand, der das Werk zahlt. Den Namen des Geldgebers verrät der Künstler noch nicht, damit keiner ihn ihm wegschnappt.

Den Max-Willner-Platz hat der Künstler als Standort ausgesucht, weil er nach dem jüdischen Arzt und langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde nach 1945 benannt ist und zentral liegt.

"Die Idee für das Mahnmal ist mir gekommen, als ich auf einer Fotoreise in Auschwitz in einer der Vitrinen einen Koffer der Familie Schönhof mit einer Offenbacher Adresse entdeckte", erzählt Talberg.

Koffer der Offenbacher Familie Schönhof in Auschwitz

Paula Luise und Otto Schönhof, Inhaber der Schuh- und Lederwarenfabrik Schönhof-Strauss, wurden 1942 deportiert. Eigenartiger Zufall: Von 1929 an wohnten Schönhofs in der Bismarckstraße 67, der gleichen Straße, in der Talberg vor wenigen Jahren lebte.

1940 wurden sie gezwungen, in die Ludwigstraße umzuziehen, wo der Künstler heute sein Atelier Talberg Factory betreibt. Für Talberg mehr als ein bloßer Zufall. Die Gemeinsamkeiten bestärkten ihn, an einer Skulptur für Offenbach zu arbeiten. Zudem sei er regelrecht geschockt gewesen, dass die NPD im Dezember 2007 durch die Stadt ziehen durfte.

Talberg, der die deutsche und israelische Staatsbürgerschaft besitzt, bezeichnet sich als jüdischer Künstler, und seine in internationalen Galerien gehandelten Werke werden der "Young Jewish Art" und "Anti-Kapitalistischen Abstraktion" zugeordnet.

Talberg sieht die Chancen der Stadt durch die Jakobsleiter wachsen. Offenbach könnte sich kulturell-strategisch neu positionieren und die Skulptur als "Trademark" etablieren, so seine Idee. Nicht nur in Offenbach, sondern auch in Chicago und Shanghai, wo die Frankfurt Rhein-Main-Marketing GmbH, die auch Offenbach wirtschaftlich vermarktet, Niederlassungen hat. In Shanghai hatte Talberg erst kürzlich Ausstellungen.

Die Stadt kann sich über das verlockende Angebot nur mäßig freuen. Der Umsetzung steht ein zwei Jahre alter und von der FDP initiierter Stadtverordnetenbeschluss im Weg, der für den Max-Willner- und Carl-Carstens-Platz einen Ideenwettbewerb für die Gestaltung vorsieht. Allerdings ist nichts darüber bekannt, wann der Beschluss umgesetzt wird.

Der Kulturausschuss lehnte Talbergs Plan im September 2009 ab, obwohl sich Oberbürgermeister Horst Schneider für das Vorhaben stark gemacht hatte. "Wir können nicht heute so und morgen anders entscheiden", sagt Lutz Plaueln (SPD), Vorsitzender des Kulturausschusses.

An anderen Orten vorstellbar

Der Ausschuss warte auf eine Antwort des Magistrats, was aus dem Ideenwettbewerb geworden ist. Talbergs Plan sei zwar positiv aufgenommen worden, so Plaueln, aber auch auf anderen Plätzen vorstellbar. Auch die FDP freut sich über das Interesse des international anerkannten Künstlers an der Stadt.

Der Ideenwettbewerb habe aber Vorrang. Talberg könne die Jakobsleiter ja als einen Vorschlag einbringen, teilt die FDP mit. Die persönliche Meinung von Brigitte Koenen, Sprecherin der Grünen für Kultur, ist, dass die Stadt die Idee der Jakobsleiter nicht verschenken sollte. Sie setze ein Signal für Weltoffenheit und gegen Rassismus. Das Parlament wird demnächst das letzte Wort haben.

Kommentar
Gute Gründe für ein Mahnmal
Der Mahnmal-Plan des Künstlers Ruben Talberg verdient es, dass die Offenbacher Stadtverordneten die Diskussion für die Allgemeinheit öffnen. Die Idee ist gut und passt zu Offenbach.
Von Madeleine Reckmann

Zugegeben, das Angebot des Künstlers Ruben Talberg, auf dem Max-Willner-Platz ein Mahnmal gegen das Vergessen des Holocausts zu setzen, setzt die Stadt unter Zugzwang.

Mit dem Thema hatten sich die Offenbacher Bürgerinnen und Bürger noch gar nicht befasst. Und für den Eingang zur Stadt war eine andere Gestaltung vorgesehen.

Jetzt taucht wie aus dem Nichts ein Künstler mit konkreten Plänen auf und verspricht, einen Sponsor dafür zu haben. Was ist davon zu halten? Sollen bisherige Beschlüsse einfach mir nichts, dir nichts über den Haufen geworfen werden?

Der Kulturausschuss entschied sich dafür, dies nicht zu tun und den vor zwei Jahren beschlossenen Wettbewerb zu forcieren. Doch der Plan verdient es, dass die Stadtverordneten vor einer endgültigen Entscheidung die Diskussion für die Allgemeinheit öffnen.

Gegen die Jakobsleiter spricht, dass sie mit ihren vorgesehenen 13 bis 15 Metern sehr hoch und monumental ist und Besucher am Eingang zur Stadt vielleicht eher erschrecken könnte als willkommen heißen. Wenigstens den Verantwortlichen sollte der Sponsor bekanntgegeben werden, damit sie sicher sind, nicht einer Luftnummer aufzusitzen.

Aber es gibt auch Gründe für das Projekt. Es kostet die Stadt nichts. Der Obelisk mit seinen Stufen in den Himmel und eingravierten Hieroglyphen besticht durch Ausdruck und Symbolkraft. Die Idee, ein Zeichen gegen Rechtsradikale und Fremdenhass zu setzen, ist gut und passt zu Offenbach.

Entnommen der Frankfurter Rundschau, Erscheinungsdatum 08.01.2010 | Ausgabe: r3s

Aktualisiert Montag, 11. Januar 2010    Geschrieben von Madeleine Reckmann    170  Mal gelesen

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